«Den Menschen hinter dem Athleten sehen»
11. Januar 2021

Das grosse Interview mit Thomas Bucheli – ein Bericht von Patrik Birrer vom Willisauer Bote (08.01.2021)

Nach zehn Jahren als Cheftrainer der 1. Mannschaft der RC Willisau Lions ist Thomas Bucheli zurückgetreten. Im Interview spricht der 43-Jährige über die Wichtigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen, die Willisauer Vereinsphilosophie und er verrät, warum er das Meisterteam mit einem guten Gefühl übergibt.

Thomas Bucheli mit dem jubelt mit dem Meisterpokal (Foto Mathias Bühler)
Fand immer die richtige Worte, ist Legende als Ringer und Trainer (Foto JB).

Thomas Bucheli, ein bekanntes Sprichwort aus dem Sport sagt, das Schönste sei es, auf dem Höhepunkt abzutreten. Vielen ist das nicht vergönnt. Sie hingegen traten als Aktiver nach einem Mannschaftsmeistertitel zurück und nun als Cheftrainer gar nach einer erfolgreichen Titelverteidigung. Besser geht es nicht.

Allein auf die sportlichen Erfolge bezogen hätte ich den jeweiligen Zeitpunkt kaum besser wählen können. Doch sowohl als Aktiver wie auch jetzt als Cheftrainer haben ja nicht die Titelgewinne den Ausschlag für den Rücktritt gegeben. Aber ganz klar: Es ist wunderbar, nach solchen Erfolgen kürzertreten zu können.

Wobei Ihr letzter Titel vor wenigen Wochen unter trostlosen Voraussetzungen errungen wurde. Wie sehr reut es Sie, dass Ihre letzten Kämpfe als Cheftrainer vor leeren Rängen stattfinden mussten?

Das war für alle eine Ausnahmesituation. Solange die Meisterschaft gelaufen ist, habe ich keine Gedanken daran verschwendet. Aber natürlich haben wir uns das alle anders vorgestellt. Und für Pirmin Bösch (der langjährige Masseur der RCW Lions trat ebenfalls zurück; Anm. d. Red.) und mich wäre es besonders schön gewesen, noch einmal die fantastische Stimmung in einer prallgefüllten Halle zu geniessen. Aber ich habe viele wunderschöne Momente erlebt und die aktuelle Situation hat nichts anderes zugelassen. Deshalb trauere ich dem nicht allzu sehr nach. Letztlich sind wir dankbar, dass wir die Saison überhaupt zu Ende ringen durften.

Und zu sagen: «Nach dieser komischen Corona-Saison trete ich nicht zurück und hänge noch ein Jahr dran», war keine Option?

Nein. Definitiv nicht. Ich habe mir schon in den vergangenen ein, zwei Jahren Gedanken gemacht, wann der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt gekommen ist. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich die Verantwortlichen über meinen Entschluss, nach der Saison 2020 zurückzutreten, informiert. Daran konnte auch die Corona-Pandemie nichts mehr ändern.

Warum sahen Sie gerade jetzt den idealen Zeitpunkt für den Rücktritt gekommen?

Der wichtigste Punkt ist meine im Sommer 2019 begonnene Weiterbildung zum Technischen Kaufmann am WBZ in Willisau. Im Herbst 2021 steht der Abschluss auf dem Programm und schon in den letzten beiden Jahren war es eine grosse Herausforderung, alles unter einen Hut zu bringen. Ich wurde vom Verein und ganz besonders von meiner Frau Svenja fantastisch unterstützt, ansonsten wären das Cheftrainer-Amt und die Weiterbildung nicht zu vereinbaren gewesen.

Wie sehr haben Sie sich selbst damit auseinandergesetzt, wie es nach Ihrer zehnjährigen Ära als Cheftrainer auf dieser Position weitergehen soll?

Diese Frage hat mich schon umgetrieben. Ich habe dem Verein wahnsinnig viel zu verdanken. Deshalb war es mir immer ein grosses Anliegen, bei der Planung und Bekanntgabe meines Rücktritts nicht ausschliesslich auf meine persönliche Agenda zu schauen, sondern, so gut es geht, auch das Wohl des Vereins im Auge zu behalten.

Das Erbe für Ihre Nachfolger Philipp Rohrer und Gergely Gyurits könnte allerdings kaum schwerer sein: Sie übergeben das Team nach zuletzt zwei Meistertiteln.

Sicher, die Erwartungen werden sehr hoch sein. Aber das waren sie bereits in der Vergangenheit und daran haben sich die beiden als wichtige Bestandteile des Trainerteams schon gewöhnt. Ausserdem kennen sie die Mannschaft mittlerweile sehr gut, wissen wie die einzelnen Ringer ticken und verfügen über hervorragende Fach- und Sozialkompetenz. Die Mannschaft ist bei Philipp und «Gergö» in sehr guten Händen.

Haben Sie Ihren Nachfolgern schon Tipps gegeben?

Sie brauchen keine Tipps von mir und sollen ihren eigenen Weg gehen. Wenn ich weiterhin ständig dreinreden oder irgendetwas kontrollieren möchte, hätte ich nicht aufhören dürfen. Allerdings habe ich auch klar gemacht: Wenn mein Rat gefragt ist, stehe ich natürlich zur Verfügung und versuche zu helfen.

Auch Sie haben die Mannschaft 2011 nach einem Meistertitel übernommen. Damals vergingen fünf Jahre bis zur nächsten Goldmedaille. Droht nun eine ähnliche Durststrecke?

Ein Meistertitel lässt sich niemals planen. Und niemand kann sagen, wann es das nächste Mal so weit ist. Ausserdem haben wir gesehen, wie wenig die Teams von Willisau und Freiamt aktuell trennt. Deshalb darf und kann man nicht einfach davon ausgehen, dass es jetzt immer so weitergeht. Doch die Situation vor zehn Jahren war eine gänzlich andere als die aktuelle. Damals gab es einen grossen Umbruch. Heute ist das nicht der Fall. Das Team und der ganze Verein sind hervorragend aufgestellt. Gerade darum kann ich mit einem sehr guten Gefühl zurücktreten.

Sie haben das Jahr 2011 angesprochen. Erzählen Sie von den Anfängen Ihrer Zeit als Cheftrainer in Willisau.

Nach dem Meistertitel 2010 sind einige langjährige Leistungsträger zurückgetreten. Es gab damals zwei Optionen, diese Lücken zu füllen: Mit gezielten externen Verstärkungen, die finanziell einige Aufwendungen mit sich gebracht hätten. Oder mit dem schrittweisen Auf- und Einbau eigener, junger Athleten. Ich habe vor meiner Zusage klargemacht, dass mit mir als Cheftrainer nur die zweite Variante in Frage kommt.

Es war die eindeutig
beschwerlichere Variante.

Das ist so. Aber es ist offensichtlich auch die eindeutig nachhaltigere.

Gab es Widerstand gegen diese Ausrichtung?

In einem grossen Verein treffen immer unterschiedliche Ansichten aufeinander. Die Konsequenzen dieser Philosophie lagen auf der Hand: Kurz- und mittelfristig würde der Meistertitel für uns kaum mehr in Reichweite liegen. Nach einem äusserst erfolgreichen Jahrzehnt während den Nullerjahren brauchte es schon etwas Überzeugungsarbeit, um diesen Umbruch durchzuziehen.

Zehn Jahre später kann man sagen: Es war goldrichtig, diesen Weg einzuschlagen.

Ja, das ist so. Aber um an diesen Punkt zu kommen, waren auf jeder Ebene grosse Efforts nötig. Das Paradebeispiel ist unsere Nachwuchsabteilung unter der Leitung von Rolf Scherrer und -Erich Kurmann. Hier wird seit Jahren hervorragende Arbeit geleistet. 2011, als ich als Cheftrainer begonnen habe, waren beispielsweise Samuel Scherrer, Tobias und Michael Portmann oder Mansur Mavlaev noch unter ihren Fittichen. Heute sind sie trotz ihres jungen Alters Leistungsträger in der 1. Mannschaft. Hier ist die grosse Aufmerksamkeit, hier werden die gros-sen Lorbeeren in Form von Mannschaftsmeistertiteln eingefahren, doch das Fundament wird wie überall im Nachwuchsbereich gelegt. Immer wieder solche «Rohdia-manten» hervorzubringen, ist ein riesengrosses Verdienst der Nachwuchs-abteilung.

Sie haben die Mannschaftsmeistertitel 2015, 2019 und 2020 angesprochen. Doch das ist längst nicht alles. Mit WM-Bronze und der Olympia-Qualifikation von Stefan Reichmuth 2019 sowie EM-Silber und World-Cup-Bronze von Samuel Scherrer 2020 feierte der Verein zuletzt auch international herausragende Erfolge. Sind diese ebenfalls ein Resultat der Neuausrichtung des Vereins seit 2010?

Bis zu einem gewissen Teil schon. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel unternommen, um die Strukturen in unserem Verein zu professionalisieren und unseren international aktiven Ringern möglichst optimale Unterstützung zu bieten. Allerdings haben die internationalen Erfolge natürlich wesentlich mit den augenfälligen Verbesserungen beim Verband zu tun. Es ist alles professioneller geworden, angefangen mit den hauptberuflich tätigen Nationaltrainern in beiden Stilarten. Die Athleten sind sehr gut betreut und nicht zuletzt funktioniert die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Verband und Vereinen immer besser. Am wesentlichsten für die sensationellen Resultate auf internationalem Parkett sind aber nach wie vor die Einstellung, der Wille und die Bereitschaft der Athleten, alles für den Erfolg zu tun.

Stichwort Professionalisierung bei den RC Willisau Lions: Aktuell gibt es auf allen Altersstufen so viele Kaderringer wie noch nie. Besteht nicht die Gefahr, dass sich der Verein zu einem reinen Gefäss für Spitzensportler entwickelt und sich so die mindestens genauso wertvollen Amateursportler irgendwann nicht mehr angesprochen fühlen?

Dieser Spagat ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Wir wollen und wir müssen weiterhin ein Verein für alle sein. Ohne Breite auf allen Altersstufen wird es irgendeinmal auch keine Spitze mehr geben. Gleichzeitig will der Verein den Internationalen die bestmögliche Unterstützung zukommen lassen. Das ist sehr zeit- und geldintensiv. Umgekehrt haben auch die Hobbysportler vollauf berechtigte Erwartungen an den Verein. Diese Ansprüche immer wieder zu erfüllen, ist eine enorme Herausforderung.

Eine Herausforderung, mit der auch Sie sich konfrontiert sahen. Wie formt man aus internationalen Topathleten und zu 100 Prozent berufstätigen Amateursportlern eine Einheit und letztlich ein Meisterteam?

Es geht in erster Linie um Kommunikation und Wertschätzung. Jedem einzelnen Ringer seinen Wert für die Mannschaft vor Augen zu führen, Entscheide aller Art zu erklären und nachvollziehbar zu machen: Das habe ich nebst allen anderen trainingsrelevanten Faktoren als meine Hauptaufgabe begriffen. Denn: Natürlich sind die Internationalen für den Erfolg des Teams von grosser Wichtigkeit. Aber alle anderen sind es in genau gleicher Art eben auch.

Das klingt nach einem immensen Aufwand auch abseits der Matte.

Da ist sicherlich etwas dran. Aber der Aufwand lohnt sich. Man kann nicht alle Ringer genau gleich behandeln, wenn man das Maximum aus jedem herauskitzeln will. Das war eine der ersten Lektionen für mich als Cheftrainer. Schnell habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, stets den Menschen hinter einem Athleten zu sehen. Das beinhaltet das familiäre und berufliche Umfeld, Freunde und vieles mehr. All das beeinflusst die Leistung auf der Matte. Und je besser man jemanden kennt, desto eher findet man einen Ansatz, um das Beste aus ihm herauszuholen.

Dann geht es letztlich aber immer um die Optimierung der sportlichen Leistung?

Im Umfeld der 1. Mannschaft ist das schon so. Alles andere würde keinen Sinn machen. Doch auf den Gesamtverein bezogen, ist das nicht alternativ-los das oberste Kriterium. Da gilt es, das grosse Ganze im Auge zu behalten. Ein wertschätzender Umgang ist langfristig die viel tragfähigere Basis für die Identifikation mit dem Verein als «nur» der sportliche Erfolg. Es gibt Ringer, die werden innerhalb der 1. Mannschaft nie eine tragende Rolle spielen. Und womöglich wollen sie das auch gar nicht. Aber dafür übernehmen sie dereinst vielleicht ein Traineramt im Nachwuchs oder engagieren sich als Funktionär oder sie schicken irgendeinmal ihre Kinder wieder in den Verein. Wie die Leute zu einem Verein stehen und ob sie bereit sind, sich für einen Verein zu engagieren, wird wesentlich dadurch beeinflusst, wie die Menschen innerhalb dieses Vereins miteinander umgehen. Und zwar auf allen Ebenen, nicht nur im sportlichen Bereich und nicht nur in der 1. Mannschaft.

Das scheint bei den RC Willisau Lions aktuell alles sehr gut zu funktionieren.

Diese Einschätzung würde ich teilen, ja. Doch wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. Es ist ein ständiger und aufwendiger Prozess. Wie heisst es so schön: Von nichts kommt nichts.

Sie sprechen immer noch in der «Wir»-Form …

Es wäre nicht gut, wenn ich das nicht täte. In den letzten 25 Jahren hat der Verein eine ganz wesentliche Rolle gespielt in meinem Leben. Wegen des RCW bin ich von Buttisholz nach Willis-au gezogen, hier habe ich Freunde fürs Leben gefunden. Ich werde dem Verein immer auf irgendeine Art verbunden bleiben.

Vorläufig aber in
keinem offiziellen Amt?

Richtig. Nach dieser intensiven Zeit ist mein Fokus nun voll auf meine Familie und meinen Beruf gerichtet. Sowohl meine Frau als auch mein langjähriger Arbeitgeber (Roos Treppenbau in Buttisholz, Anm. d. Red.) haben mich immer mit vollster Kraft unterstützt. Dafür bin ich dankbar. Nun ist es Zeit, ihnen etwas zurückzugeben.

Interview: Patrik Birrer, Willisauer Bote

Eine beeindruckende Karriere

Ringen Erst im Alter von 13 Jahren kam der gebürtige Buttisholzer Thomas Bucheli durchs Nationalturnen mit dem Ringen in Kontakt. Fortan trainierte das damalige Mitglied des TV Juventus Buttisholz ab und zu mit den Ringern des RC Willisau. 1996, im Alter von 19 Jahren, schloss er sich den Willisauern definitiv an und feierte in der Folge zahlreiche grosse Erfolge. Total 15 Einzel-Meistertitel (elf davon bei den Aktiven) zieren das Palmares des Freistilspezialisten, dazu kommen acht Mannschaftsmeistertitel als Aktiver. Zu diesen trug er als Teil eines schier unbezwingbaren Schwergewicht-Duos mit Olympionike Rolf Scherrer wesentlich bei. Thomas Bucheli vertrat die Schweiz mehrmals an internationalen Grossanlässen. Der ganz grosse Wurf blieb ihm allerdings verwehrt. Rang 8 an der WM 2005 in Budapest ist sein wertvollstes Resultat, der Traum von der Olympia-Teilnahme verwirklichte sich nicht.

Nach dem Mannschaftsmeistertitel 2010 trat Bucheli vom aktiven Ring-sport zurück und wurde Cheftrainer der 1. Mannschaft der RCW Lions. In dieser Funktion führte er das Team 2015, 2019 und 2020 zum Meistertitel. Bucheli ist Trainer Leistungssport mit eidgenössischem Fachausweis und amtet seit 2014 auch als Assistent des Freistil-Nationaltrainers bei der Swiss Wrestling Federation. Thomas Bucheli ist gelernter Zimmermann. Er ist als Arbeitsvorbereiter bei Roos Treppenbau in Buttisholz tätig, wo er seit 20 Jahren arbeitet. Bucheli ist mit der ehemaligen NLA- und aktuellen 1.-Liga-Handballerin beim STV Willisau Svenja Bucheli-Wey verheiratet und Vater einer dreieinhalbjährigen Tochter.


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